Wie Kinder besser lernen lernen

Schwarzweißfoto eines Schulkindes, das im Garten an einem Kindertischchen seine Hausaufgabensachen aufräumt. Schulkind bei den Hausaufgaben

Lernen-Wollen ist für Hochbegabte und Lernschwierige gleich wichtig

 

Kinder, die nicht gleich schnell und tiefgründig denken wie die Mehrheit, verlieren leicht den Spaß am Lernen. Ein paar Tipps helfen, sie neu zu motivieren.

 

Einen Unterricht anzubieten, der allen Kindern gleichermaßen gerecht wird, ist in den gegenwärtigen Strukturen des deutschen Schulsystems so gut wie unmöglich. Das führt dazu, dass Lehrkräfte versuchen, den Stoff so aufzubereiten, dass er für möglichst viele Kinder interessant und leicht erlernbar ist. Für schneller und komplexer denkende Kinder, die meist auch noch über mehr Vorwissen verfügen, ist das aber zu langsam und zu kleinteilig - und für langsamer und weniger vernetzt denkende Kinder mit weniger Vorwissen ist es nicht langsam und kleinteilig genug. Beides kann dazu führen, dass sie sich langweilen und nichts mehr lernen wollen. Neben besonderen Lernhilfen gibt es aber auch weitere Gegenmaßnahmen, die den Spaß am Lernen ein Stück zurückbringen können.

 

Tipp 1: Die Kinder für den Lernstoff begeistern

 

Albert Ziegler, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Ulm, betont, wie wichtig es für Kinder ist, dass Eltern und Lehrkräfte das Lernen gut und den zu vermittelnden Stoff spannend finden. Kinder lernen nämlich viel durch Nachahmung, sie brauchen also Modelle, denen es sich nachzueifern lohnt. Es gibt Untersuchungen darüber, wie sich Lehrkräfte im Unterricht über ihr eigenes Fach äußern. Dazu zählen laut Ziegler Aussagen wie "Ich weiß, dass das langweilig ist, aber es steht im Lehrplan" oder "Das würde ich mir schon merken, die nächste Arbeit wird sehr schwierig sein". Derartig negative Bemerkungen bildeten mit 80 Prozent die Mehrzahl der gezählten Äußerungen. Für Kinder ist es unter diesen Umständen schwierig bis unmöglich, sich für ein Thema zu begeistern.

 

Als Gegenmaßnahmen empfiehlt Ziegler, das betroffene Kind auf die richtige Art zu loben und ihm zu vermitteln, dass es (auch einem selbst!) Spaß macht, den Stoff zu lernen. Manche Sachgeschichten, die dabei helfen können, findet man gut aufbereitet im Handel; sie lassen sich zum Teil sogar vorab alphabetisch geordnet im Internet nachschlagen.

 

Tipp 2: Die Kinder an ihren Erfolg glauben lehren

 

Sowohl Kinder, die nicht so rasch lernen wie andere, als auch Kinder, die erheblich rascher lernen als der Durchschnitt, haben es schwer, ihren Lernerfolg an dem der Gruppe zu messen. Es ist daher sinnvoll, ihnen aufzuzeigen, was sie persönlich im Zeitverlauf gelernt haben.

 

Das kann für ein Kind bedeuten, dass es jetzt statt 40 nur noch 20 Fehler im Diktat macht und für ein anderes, dass es einen sauber gegliederten Aufsatz statt eines wilden Sammelsuriums von Fakten fertigbringt, während die Klasse, von dem Sammelsurium weit entfernt, "Mimi, Mama, Oma" übt. Würde dieses zuletzt genannte Kind nämlich auch nur "Mimi, Mama" üben, hätte es zu Recht den Eindruck, nichts gelernt zu haben, während das zuerst genannte Kind, das mit 20 Diktatfehlern nach wie vor eine Sechs schriebe, zu Unrecht der Meinung wäre, auf demselben Lernstand geblieben zu sein.

 

Tipp 3: Den Kindern das Planen beibringen

 

Kinder können von sich aus schlecht planen, unter anderem, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass es "nichts bringt", dass sie ihre Ziele trotz des Planens nicht erreichen. Damit sie ihre Arbeit besser einteilen können, müssen sie daher lernen, sich erreichbare, realistische Ziele zu setzen.

 

Nach Ziegler ist es für Hochbegabte empfehlenswerter, sich die Ziele aktiv selbst zu setzen und nicht zum Beispiel auf Klassenarbeiten hin zu lernen, weil Hochbegabte sich den Stoff besser aneignen, wenn sie ihn sich aus eigenem Interesse und Antrieb erschließen. Eltern können das unterstützen, indem sie die Lernanstrengung und die Ausdauer des Lernprozesses loben und die Meilensteine, die das Kind schon erreicht hat, bestätigend anerkennen: "Ich finde es toll, dass du jetzt schon vier Tage lang an diesem Thema arbeitest, und du hast schon fast die Hälfte des Stoffes in deiner Mind-Map zusammengefasst, das ist wirklich eine Superleistung!"

 

Kindern mit Lernschwierigkeiten dagegen sollte man Ziele vorgeben, die viel kleinschrittiger sind, aber trotzdem eine (erfüllbare!) Anforderung an die Ausdauer des Kindes bedeuten.

 

Tipp 4: Die Kinder beim Arbeiten unterstützen

 

Um den Kindern das Arbeiten zu erleichtern, kann man ihnen verschiedene Lernstrategien zeigen, ihnen etwa beibringen, wie man Zusammenfassungen und Querbezüge erstellt und bildlich verdeutlicht, wie man Informationen präsentiert und sich dadurch merkt, wie man mit Randnotizen und in Gruppen- oder Paardiskussionen lernt und ähnliches mehr. Dazu kann und sollte man das Umfeld, in dem Kinder lernen, möglichst ansprechend und freundlich gestalten, am besten mit der Hilfe des Kindes, das kreativ mithelfen kann, seinen Arbeitsplatz an seine Bedürfnisse anzupassen.

 

Wichtig ist es, dass die erforderlichen Arbeitsmaterialen in Reichweite bereitstehen. Aber auch das Zeitmanagement darf nicht vernachlässigt werden. Kinder wissen nicht, wann sie am besten und leichtesten lernen, wie viele Pausen sie brauchen oder was sie ablenkt. Durch gezielte Selbstbeobachtung (gestützt durch elterliche Mitbeobachtung) können sie sich dieses Wissen aber verschaffen.

 

Tipp 5: Den Kindern zeigen, wie sie ihr Handeln selbst bewerten können

 

Schließlich sollte man Kinder auch dabei helfen, ihr Tun selbst zu bewerten, sodass sich etwas weniger abhängig werden von der Bewertung durch andere: Man kann ihnen zeigen, welche Bedeutung ihr neu erworbenes Wissen für ihren Alltag hat und sie erforderlichenfalls ermutigen, es auch anzuwenden. Hochbegabte werden in der Regel nur wenig äußere Anstöße dafür brauchen, lernschwierigen Kindern dagegen wird man es geduldig und wiederholt erklären müssen, bis sie die Verbindung zwischen abstraktem Lernen und konkretem Handeln erfasst haben.

 

Ziegler gibt ein typisches Beispiel für die Schwierigkeit, die auch ansonsten unauffällige Kinder damit haben, abstraktes Rechnen mit Alltagswissen zu verknüpfen: Wenn Sechstklässler berechnen sollen, wie viele 50-sitzige Busse für 120 Schüler bei einem Reiseunternehmen gebucht werden müssen, kommen viele auf die Antwort 2,4 oder 2 2/5, weil sie nicht bedenken, dass es weder Zehntel- noch Fünftelbusse wirklich gibt.

 

Autorin dieses Beitrags ist Elke Speidel, Soziologin B.A.