"Schule macht einen Kopf kürzer"
Warum hochbegabte Kinder häufig nicht zur Schule wollen
„Mama, in der Schule fühl' ich mich, als sollte ich einen Kopf kürzer gemacht werden, als ich bin." Das Mädchen, das diesen erschreckenden Satz sagt - nennen wir es Julia - ist gerade sieben Jahre alt geworden. Es lernt für sein Leben gern. Und weint jeden Morgen, wenn Schule angesagt ist.
Ruine eines Klassenraums
„Montag ist Bauchwehtag“, beginnt Anke Römer ihren Artikel „Warum Schule Angst macht“ in der Zeitschrift „Psychologie heute“ (Märzausgabe 2009). „Beim Aufstehen ist noch alles gut, doch spätestens beim Frühstück beginnt der Kampf zwischen Mutter und Tochter. Erst durch einfühlsames Beharren lässt sich die kleine Klara dazu bewegen, in die Schule zu gehen. Sie hat Angst davor – und würde am liebsten gar nicht mehr dorthin.“ Als Ursachen nennt die Autorin neben Problemen mit Lehrern oder Mitschülern vor allem die Überforderung durch das Stoffpensum.
In vielen Fällen mag das zutreffen. Doch auch das Gegenteil kann der Fall sein: Unterforderung führt nicht selten zu ähnlichen Symptomen. Julia zum Beispiel kann lesen, und sie kann schreiben - seit vier Jahren. Sie kann rechnen, im Zahlenraum über 1000. Sie weiß, wann die ägyptischen Pharaonen gelebt haben und wie Pyramiden aussehen und kennt die Hauptstädte der deutschen Bundesländer. Und sie hat trotzdem, wie Klara, geradezu körperlich Angst vor der Schule.
Die Symptome der Schulangst sind nicht offiziell definiert, sodass unklar ist, ob schon Kinder dazu gehören, „die ständig um ihre Noten besorgt sind und Angst haben zu versagen“ oder „nur solche, die vor lauter Angst einen Schulbesuch verweigern“ oder auch die, „die zwar große Angst haben, aber trotzdem in die Schule gehen.“
Hochbegabte Kinder werden falsch oder gar nicht gefordert und gefördert
Gerade Hochbegabte sind nicht selten um ihre Noten besorgt, manchmal in doppelter Hinsicht: Lehrkräfte und/oder Eltern erwarten von ihnen Bestbewertungen, die viele aber, nicht nur trotz, sondern oft gerade wegen ihrer Hochbegabung nicht erreichen können. Das liegt daran, dass intellektuell hochbegabte Kinder anders denken als durchschnittlich begabte MitschülerInnen.
Aufgrund ihrer raschen und komplexen Auffassungsgabe neigen sie zum Beispiel dazu, Zwischenschritte nicht nur nicht aufzuschreiben, sondern gar nicht wahrzunehmen. Sie notieren also das Endergebnis, das ihnen als selbstverständlich erscheint, ohne sich des Weges dahin bewusst zu sein. Wenn aber die Aufgabe darin besteht nachzuweisen, wie sie eine bestimmte Lösung erarbeitet haben, wird diese Art des Vorgehen als nicht ausreichend bewertet, obwohl das hochbegabte Kind das „richtige“ Ergebnis gefunden hat.
Für Hochbegabte ist es sehr schwierig herauszufinden, wann und wie viele Zwischenschritte zu einer Lösung „erforderlich“ sind und diese Zwischenschritte dann auch in der gewünschten Weise zu notieren. Darüber hinaus sehen sie häufig auch nicht ein, dass sie diese aus ihrer Sicht überflüssige Arbeit leisten sollen. Ihre Angst vor einer schlechten Benotung ist also durchaus begründet. Hochbegabte machen außerdem nicht unbedingt weniger, sondern vor allem andere Fehler als durchschnittlich begabte Kinder: Sie neigen dazu, „schwierige“ Aufgaben richtig, „einfache“ dagegen falsch oder gar nicht zu lösen. Aber viele haben auch Angst davor, für eine weit überdurchschnittliche Leistung öffentlich gelobt zu werden, weil das ihren sozialen Stand in der Klasse gefährdet.
Hochbegabte Kinder sind häufig Mobbing ausgesetzt
„Zu den sozialen Situationen, die Angst machen, gehören vor allem Gewalt und Mobbing unter den Schülern“, erklärt Römer. Dazu zählt sie „Demütigungen, verbale Angriffe, Ausgrenzungen und sogar körperliche Attacken“. In derselben Ausgabe von „Psychologie heute“ schreibt Sylvia Meise über Mobbing: „Die typischen Opfer sind keineswegs Außenseiter mit seltsamen Ansichten oder eigentümlicher Kleidung, sondern oftmals kluge, originelle und schnelle Leute, die ausgegrenzt werden, weil sie anstrengend sind, zu viel Arbeit bedeuten – kurz: Unruhe in ein Team bringen.“ Das gilt im Fall hochbegabter Kinder sowohl für ihre MitschülerInnen als auch für ihre Lehrkräfte. Zwar mögen die Lehrkräfte das schnell lernende, komplex denkende Kind gut benoten, aber sie laufen auch Gefahr, es gerade dadurch auszugrenzen.
Hochbegabte Kinder werden in der Schule oft ausgebremst
Dazu kommt eine andere Form von Sanktionen: Wenn zum Beispiel die ganze Klasse ein Lernspiel spielt, bei dem es darum geht, das jeweils das Kind „gewinnt“, das als erstes eine Vokabel oder eine arithmetische Lösung richtig genannt hat, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein intellektuell hochbegabtes Kind fast immer „siegt“ oder vorne dabei ist. Geht das Spiel danach nicht weiter, hat es seinen lernmotivierenden Sinn für die Klasse verloren. Reagiert nun die Lehrkraft auf dieses Problem so, dass sie das Kind vom Spiel ausschließt, um den Lerneffekt für die Klasse zu erhalten, wird das hochbegabte Kind an sich und der Welt irre, weil es seiner Wahrnehmung nach dafür bestraft wird, dass es etwas besonders gut gemacht hat.
Ein Kind, das das Lernziel der Klasse mit einer zu frühen „richtigen“ Antwort vorwegnimmt, zerstört außerdem den Spannungsbogen der Unterrichtsstunde und nimmt den weniger schnell denkenden Kindern den Spaß am Aha-Erlebnis. Das Kind kann das allerdings nicht erkennen, weil es aus seiner Sicht nur den Unterricht rascher voranbringen möchte. Wird es im Interesse der Klasse ausgebremst, fühlt es sich ungerecht behandelt. Da es aber nicht vorab einschätzen kann, wann seine Unterrichtsbeteiligung erwünscht ist und wann nicht, kann es den Spaß an jeglicher Beteiligung verlieren und sich vor dem Schulbesuch fürchten, der völlig unkalkulierbare soziale Sanktionen für es bereithält.
Dass Hochbegabte der Schulangst genauso ausgesetzt sind und auf die gleiche Art darauf reagieren wie andere Kinder, könnte also daran liegen, dass sie, wenn auch auf andere Weise, ebenfalls damit überfordert sind, mit dem System Schule zurecht zu kommen. „In jedem Fall“, rät Römer zu Recht, „ist bei Verdacht auf Schulangst eine Leistungs- und Intelligenzdiagnostik durch einen Schulpsychologen zu empfehlen, um die Begabungen des Kindes, aber auch seine Schwächen oder Teilleistungsschwächen zu erkennen.“ Nur dann könne man „mit Sicherheit sagen, ob es im Unterricht überfordert“, und bei hochbegabten Kindern muss hinzugefügt werden: und/oder unterfordert, ist.
Was dann zu tun ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt: Hier helfen Römers Empfehlungen, die auf intellektuell überforderte Kinder zielen, Hochbegabten wenig.
Die Autorin dieses Beitrags ist Elke Speidel, Soziologin B.A.