(elk) Public Relations und Verlag GmbH

Schlechte Noten für Hochbegabte?

Wenn Zeugnisse und Fähigkeiten nicht zusammenpassen

Beispielzeugnis

J., 6 Jahre alt, liest anderen Kindern Geschichten über ägyptische Pharaonen vor und rechnet im Zahlenraum über 1000. Die Lehrerin hält das Kind für überfordert. Wieso?

 

50 Prozent aller hochbegabten Kinder leisten in der Schule weniger, als sie es ihren Fähigkeiten nach eigentlich könnten. "Begabungen können und müssen aufgebaut werden", kommentiert Prof. Dr. Dr. Albert Ziegler die entsprechenden Untersuchungen. "Sie gehen im ungünstigen Falle verloren, aber erlauben bei systematischer Förderung herausragende, einzigartige Leistungen."

 

 

Ein hochbegabtes Kind kann, muss aber nicht zu den Klassenbesten zählen

 

 

Häufig sind hochbegabte Kinder anpassungsfähig und -willig, versuchen im Unterricht mitzuarbeiten und die Erwartungen der Lehrkräfte zu erfüllen und überzuerfüllen. Gelingt ihnen das, haben sie in der Regel gute Noten und sind bei den Lehrkräften beliebt. Das muss aber nicht so sein, und dafür gibt es verschiedene Gründe.

 

So sind zum Beispiel weder Lehrplan noch Unterrichtsstil an den Bedürfnissen von Hochbegabten ausgerichtet. Das ist so erklärlich wie berechtigt, weil nur etwa drei Prozent aller Kinder hochbegabt sind und der Lernstoff so vermittelt werden muss, dass die Mehrheit der Kinder ihn verstehen, einüben, sich merken und anwenden können. Das führt dazu, dass Hochbegabte das Lerntempo als zu langsam empfinden.

 

Beispielkind J. etwa konnte schon vor der Einschulung lesen und schreiben. Eines Tages lernt die Klasse das „m“: „Es macht mmmmmm, summmmmmmt und hat zwei Füßchen, wenn man es schreibt. Wie in Mama.“ – Die Kinder sollen es hören, nachmalen lernen und verstehen, dass zwischen dem Laut, dem gedruckten und dem geschriebenen Buchstaben ein Zusammenhang besteht. J. weiß, wie das „m“ klingt und wie es aussieht, kann es schreiben und will es in Wörtern wie "mystisch" und "Mumie" anwenden. Aber die Lehrerin will soviel Kreativität und Eigenständigkeit nicht, weil die anderen Kinder damit nichts anfangen können.

 

Nun hat J. zwei Möglichkeiten: Das Kind – meist wählen Mädchen diese Variante – hält sich brav an den Lehrplan, erzählt zu Hause seinen erstaunten Eltern, dass es jetzt das "m" gelernt hat, bemüht sich, am besten von allen "Mama" zu schreiben und zu lesen. Das bringt ihm das Lob der Lehrerin ein, die anerkennt, wie viel J. "gelernt" hat. Das Kind hat tatsächlich etwas gelernt: Es weiß jetzt, dass sein Wissen nicht gefragt ist und dass es darauf ankommt, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, wenn man gelobt werden möchte. In höheren Klassen kommt dazu, dass intellektuelle Hochbegabung von den Gleichaltrigen nicht als Plus- sondern als Minuspunkt gewertet werden kann und daher ebenfalls - um einem Ausschluss aus der Gruppe zu entgehen - eher versteckt als gezeigt wird.

Die andere Möglichkeit wird häufiger von Jungen gewählt: Sie verzichten auf das ungerechtfertigte Lob für etwas, das sie ja nicht gelernt, sondern schon lange gewusst haben, und beschäftigen sich lieber mit anderen Dingen. Für sich definieren sie Schule als „doof“ und „unnütz“, passen nicht mehr auf, stören im Unterricht, machen keine Hausaufgaben - und verpassen so auch das Wenige, das sie hätten lernen können, sollen und müssen. Diese falsche Arbeitshaltung führt dazu, dass ihnen in Klassenarbeiten die Informationen und Techniken fehlen, um ihre Begabung so einzusetzen, dass sie gute Zensuren erreichen.

 

Auch gute Leistungen können zu schlechten Zensuren führen

 

 

Dieser intellektuelle Rückzug ist jedoch nicht die einzige Ursache dafür, dass hochbegabte Kinder schlechtere Noten haben, als zu erwarten wäre. Manchmal fühlen sich Lehrkräfte von hochbegabten Kindern unter Druck gesetzt, weil sie um ihre Autorität gegenüber der Klasse fürchten. Eine Folge davon kann es sein, dass richtige Lösungen in Klassenarbeiten nicht anerkannt und als "Fehler" bewertet werden.

 

So kommt es vor, dass ein Kind bei der Lösung einer Mathematikaufgabe einen gemeinen Bruch korrekt in einen Dezimalbruch umwandelt, das Ergebnis aber als "falsch" eingestuft wird mit der Begründung "Das haben wir noch nicht gelernt". Ebenso kann es vorkommen, dass ein Kind in Deutsch oder einer Fremdsprache nach der fehlerfrei abgeschlossenen Nacherzählung aus Langeweile eine weitere Geschichte dazu schreibt und sich dadurch eine schlechte Note wegen des "verfehlten Themas" einhandelt.

 

Schon in der Grundschule kann es außerdem notenschädlich sein, eine andere als die gewünschte Lösung zu finden, etwa zwei orthographisch zulässige Schreibweisen für dasselbe Wort. Im Zweifel gilt nämlich – nur! – die Schreibweise, die die Lehrerin bevorzugt - und im Diktat ist ein "Fehler" mehr.

 

Leichtere Aufgaben werden falsch gelöst

 

 

Aber nicht immer werden die Schulaufgaben von Hochbegabten richtig gelöst. Manche Kinder machen, trotz ehrlichen Bemühens, ähnlich viele Fehler wie weniger begabte Kinder - nur sind es andere Fehler. So fällt auf, dass hochbegabte Kinder eher die von anderen als einfach eingestuften Aufgaben fehlerhaft lösen. Einerseits nimmt nämlich das hochbegabte Kind "einfache" Aufgaben ("Babykram") nicht ernst genug, liest sie oberflächlich und macht Flüchtigkeitsfehler.

 

Oder es nimmt die Aufgabe zu ernst, erkennt Mehrdeutigkeiten in der Aufgabenstellung, bezweifelt, dass sie so einfach ist, wie sie wirkt, vermutet komplexe Konstruktionen dahinter - und kommt entweder auf gar keine oder eine aus Sicht der Lehrkraft abwegige Lösung, die in der Aufgabe nicht angelegt war oder sein sollte. Im schlimmsten Fall blockiert der Lösungsversuch für die fälschlich als komplex wahrgenommene Aufgabe das Kind so, dass die Zeit für das Lösen anderer Aufgaben fehlt. Bestenfalls sind die komplexen Aufgaben richtig gelöst, die einfachen aber nicht oder fehlerhaft; beides hat negative Auswirkungen auf die Benotung.

 

Quantitative Überlastung und weitere Gründe für Minderleistung

 

Häufig versuchen Erwachsene, hochbegabte Kinder mit zusätzlichen Aufgaben zu versorgen, um ihrem erhöhten Lerninteresse entgegenzukommen. So nehmen die Kinder an Wettbewerben teil, besuchen Arbeitsgemeinschaften parallel, erhalten Musik-, Kunst- und Tanzunterricht. Meist nehmen sie diese Angebote dankbar an, weil sie sich darin eher ausprobieren können als im normalen Unterricht.

 

Das Problem besteht darin, dass sie dafür nicht von Routine-Aufgaben entlastet werden - sie müssen weiterhin Sachen wiederholen, die sie wissen und können. Das blockiert ihre Zeit manchmal so, dass sie bis in die Nacht hinein arbeiten, weil sie fürchten, dass ihnen die "interessanten" Tätigkeiten sonst weggestrichen werden. Dadurch geraten die Kinder zeitlich unter Druck, was zu den von Ziegler berichteten Konzentrationsstörungen führen kann. Weitere Gründe für schlechte Noten sind Prüfungsangst, Aufmerksamkeitsstörungen und feinmotorische Schwierigkeiten, die hochbegabte genau wie andere Kinder betreffen können.

 

Die Autorin dieses Beitrags ist Elke Speidel, Soziologin B.A.