Leseratten im Kindergartenalter
Früh schreibendes Kind
Wenn Kinder, die schon vor der Einschulung lesen konnten, mit zu leichten Leseaufgaben beschäftigt werden, verlieren sie den Spaß am Lernen.
Früh lesende Kinder sind nicht zwingend hoch begabt. Trotzdem aber haben sie mit Hochbegabten etwas gemeinsam, zumindest in der ersten Klasse: Sie können etwas, was andere erst lernen sollen. Deshalb sind auch die Förderungskonzepte ziemlich ähnlich. Die Fachbegriffe sind „Akzeleration“, was Beschleunigung (des Lernens) bedeutet oder „Enrichment“, also Anreicherung des dargebotenen Lernstoffes. Beide Maßnahmen können angewendet werden, um kleine Leseratten nicht links liegen zu lassen und ihren Spaß an Büchern nicht zunichte zu machen.
Sollten frühlesende Kinder die erste Klasse überspringen?
Akzeleration oder beschleunigtes Lernen bedeutet in der Begabtenförderung das Verkürzen der Schullaufbahn. Dazu zählen die vorzeitige Einschulung und das Überspringen von Klassen. Allerdings ist eine vorzeitige Einschulung ja nicht mehr möglich, wenn das Kind schon eingeschult ist und erst danach festgestellt wird, dass es schon lesen kann oder es sich innerhalb der ersten paar Tage mühelos aneignet, weil Grundfähigkeiten schon vorher vorhanden waren, ohne dass die Eltern es bemerken konnten.
Überspringen von Klassen wird von Fachleuten, etwa von Barbara Reichle, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, für die Grundschule zwar grundsätzlich empfohlen, allerdings ausdrücklich für intellektuell hochbegabte Kinder und nur unter ganz bestimmten Bedingungen. Soll ein Überspringen erfolgreich werden, muss das Kind nämlich in allen Fächern überdurchschnittlich leistungsfähig sein und selbst eine Klasse überspringen wollen. Außerdem sollte es sehr gern lernen, ausdauernd und auch sozial und emotional mindestens auf dem Stand sein, der für sein Alter typisch ist. Ist die Lehrkraft in der abgebenden oder in der aufnehmenden Klasse der Meinung, dass ein Springen nicht die richtige Maßnahme für dieses Kind ist, so verschlechtert das die Aussichten für ein erfolgreiches Vorstufen des Kindes.
Um die erste Klasse zu überspringen oder vorzeitig in die zweite Klasse zu wechseln reicht es also nicht einmal aus, sämtliche Lehrplanziele des ersten Schuljahres erfüllt zu haben, viel weniger also genügt es, wenn ein Kind zwar lesen und schreiben kann, aber den Rest des Stoffes – etwa Mathematik oder Sachunterrichtsthemen – nicht auf ähnlichem Niveau beherrscht. Für frühlesende Kinder schlägt Reichle, ähnlich wie für Kinder, die in anderen Fächern besonders leistungsfähig und motiviert sind, als Lösung einen Teilunterricht in höheren Klassen vor. Dabei bliebe das betroffene Kind in der ersten Klasse, ginge aber für die Deutschstunden in den Unterricht der zweiten.
Theoretisch hört sich das zwar plausibel an, im Stundenplan-Alltag der Schulen aber dürfte es schwierig zu verwirklichen sein. Dazu kommt, dass zum Deutschunterricht in der Regel mehr gehört als das Erlernen des Lesens und des Schreibens, dass also frühlesende Kinder, die gleich den Deutschunterricht der zweiten Klasse besuchen, in Kauf nehmen, diese darüber hinausgehenden Unterrichtsthemen zu versäumen und sich so Wissenslücken bilden, die später möglicherweise nur schwer zu schließen sind.
Diese Lücken können unter Umständen auch sehr spät auftreten. So berichtet eine als hochbegabt diagnostizierte junge Erwachsene, die während ihrer Schulzeit drei Klassen übersprungen hat, dass sie in ihrer mündlichen Staatsexamensprüfung in Mathematikdidaktik der Grundschule eine Nebenfrage beantworten musste, von der ihr klar war, dass sie zum Stoff der siebten (von ihr übersprungenen) Klasse zählte. Nur dank ihrer außergewöhnlichen Denkfähigkeit konnte sie sich das nie gelernte Wissen während der Prüfung spontan erschließen. Einem frühlesenden, aber nicht weit überdurchschnittlich intellektuell begabten Menschen dürfte dieses Kunststück deutlich schwerer fallen oder – wahrscheinlicher noch – misslingen.
Der Teilunterricht in höheren Klassen ist aber auch aus anderen Gründen nicht unproblematisch: Wie soll es zum Beispiel weitergehen, wenn das Kind die erste Klasse (in Deutsch aber die zweite!) abgeschlossen hat? Wird es dann in die zweite (in Deutsch aber in die dritte!) Klasse versetzt? Und wenn es in der vierten ist und den dort durchzunehmenden Stoff in Deutsch schon in der dritten Klasse gelernt hat – soll es dann zum Deutschunterricht der fünften Klasse in die weiterführende Schule geschickt werden?
Sollten frühlesende Kinder in Deutsch mehr Stoff vermittelt bekommen als andere?
Beim Enrichment, also bei der Anreicherung des Lernstoffes, lernen Kinder nicht schneller, sondern mehr als andere. Nach Reichle gibt es vertikales und horizontales Enrichment: Beim vertikalen werden die Themen des Lehrplans inhaltlich erweitert und/oder vertieft, beim horizontalen werden zusätzliche Themen unterrichtet. Meistens kombiniert man diese Maßnahmen in Akzeleration innerhalb des Klassenverbandes, denn die Zeit für das Erlernen zusätzlichen Stoffes wird durch einen rascheren Durchlauf durch den regulären Stoff herausgearbeitet.
Eine solche Förderung ist häufig einfacher durchzuführen, weil die betroffenen Kinder in ihrer Klasse bleiben können. Problematisch daran könnte sein, dass frühlesende Schülerinnen und Schüler, die intellektuell nicht überdurchschnittlich begabt sind, mit dem beschleunigten Erlernen des regulären Stoffes möglicherweise überfordert werden. Die Lehrkraft müsste also darauf achten, diese Maßnahme nur so lange durchzuführen, wie die Kinder über einen Vorsprung zum Rest der Klasse verfügen und sie nach und nach, sowie die anderen Kinder diesen Vorsprung aufholen, in den Regelunterricht zu integrieren.
Wenn die Förderung im Klassenverband gelingen soll, muss man als Lehrkraft (und als Eltern) allerdings einige Punkte beachten: Aufgaben, die das Kind schon kann, sollte es nicht lösen müssen, weil sie es demotivieren; durch diese Entlastung verschafft man ihm die Zeit, die es braucht, um auf seinem eigenen Niveau (besser) lesen zu lernen. Trotzdem muss darauf geachtet werden, dem Kind keine Sonderstellung in der Klasse zuzuweisen: Entweder sollte der Lehrstoff, den es bearbeitet, demjenigen der anderen Kinder thematisch sehr ähneln, oder es sollte in der Klasse üblich sein, dass alle oder viele Kinder an unterschiedlichen Aufgaben arbeiten, sodass Niveauunterschiede niemandem auffallen.
Darüber hinaus müssen die Interessen der anderen Kinder bedacht werden, insbesondere derjenigen, denen das Lesen- und Schreibenlernen besonders schwer fällt. Die Lehrkraft darf also keinesfalls über der Förderung der kleinen Leseratten diese Problemkinder vernachlässigen.
Autorin dieses Beitrags ist Elke Speidel, Soziologin B.A.