Förderung für Rechenkinder
Teilbegabungen in Mathematik erkennen und unterstützen
Nicht nur Kinder, die weniger, sondern auch solche, die höher begabt sind als der Durchschnitt, benötigen besondere Fördermaßnahmen – zum Beispiel in Mathematik.
Früh interessiert an Rechnen und Rechner.
Kinder sollten sich so gut entwickeln können wie irgend möglich, und zwar völlig unabhängig davon, sie schnell oder langsam sie denken und lernen. Das ist nicht nur für sie persönlich wichtig, sondern auch für die Gesellschaft, in der sie später leben und arbeiten werden.
Wer meint, dass – zum Beispiel – mathematisch begabte Kinder keine Hilfe bräuchten, um ihre Begabung anwenden zu lernen, sollte sich zwei einfache Beispiele vor Augen führen: Auch sportlich Begabte müssten trainiert werden, um Leistungssportler zu werden, und auch besonders musikalische Kinder brauchen Übung und auf sie abgestimmten Musikunterricht, um als Profi-Musikerinnen Erfolg zu haben.
Training für rechenschnelle Kinder so wichtig wie für sportbegabte
Mathematisch begabte Kinder muss man zunächst, wie mathematisch minderbegabte, als solche erkennen, um ihnen richtig beim Lernen helfen zu können. Dabei kommt es vor allem darauf an, ihnen die Freude am Lernen zu erhalten. Wenn sie jedoch im normalen Schulalltag vom Unterricht stark unterfordert werden, ist diese Lernfreude bedroht.
Persönlichkeit entwickelt sich im sozialen Vergleich
Auch begabte Kinder muss man außerdem dabei unterstützen, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Dafür ist es wichtig, dass sie mit anderen Kindern zusammenkommen, die ähnlich leistungsfähig sind wie sie selbst und sich für ähnliche Dinge interessieren.
Möglich ist das zum Beispiel in Arbeitsgruppen außerhalb des regulären Unterrichts, wo sich Kinder unterschiedlicher Klassen treffen, die einen ähnlichen Lernstand haben. Dort können sie sich nicht nur ohne Leistungsdruck mit Aufgaben beschäftigen, die sie interessieren, sondern auch ohne die Angst, damit bei Klassenkollegen oder -kolleginnen negativ aufzufallen.
Rechenschnelle Kinder im Unterricht erkennen
Was „begabt“ oder „hochbegabt“ überhaupt bedeutet, ist in der Literatur sehr umstritten. Trotzdem lassen sich einige Merkmale aufzählen, an denen man mathematisch begabte Kinder erkennen kann, wenn auch nicht alle Merkmale auf jedes betroffene Kind zutreffen und die einzelnen Merkmale in sehr unterschiedlichem Ausmaß auftreten können.
1. Die Kinder erkennen mathematische Muster und Strukturen schnell.
2. Sie merken sich Strukturen und Muster schneller als andere .
3. Sie behalten mathematische Sachverhalte gut im Kurzzeitgedächtnis.
4. Sie übertragen Strukturen und Muster selbständig auf andere Aufgaben.
5. Sie können Gedankengänge beim Bearbeiten von Aufgaben umkehren.
6. Sie verstehen neue Stoffbereiche schneller als andere Kinder.
7. Sie können verschiedene Lernschritte alleine vollziehen.
8. Sie können sich mathematische Abläufe gut merken.
9. Sie lösen mathematische Probleme mit mehr Fantasie und Kreativität.
10. Sie „erspüren“ mathematische Lösungswege rascher und zutreffender.
Rechenkinder richtig fördern
Wenn ein Kind im normalen Mathematikunterricht unterfordert wird, gibt es drei Möglichkeiten, ihm zu helfen: Man verändert die Menge oder den Schwierigkeitsgrad des Lernstoffs (Enrichment), man unterrichtet denselben Stoff in kürzerer Zeit (Akzeleration), oder man verändert sowohl die Menge und den Schwierigkeitsgrad als auch den Zeitansatz.
Zur Akzeleration zählen zum Beispiel die vorzeitige Einschulung und das Überspringen von Klassen, einzeln oder in Gruppen (jeweils auf Antrag und/oder mit Zustimmung der Eltern). Außerdem gibt es mancherorts die so genannte „flexible Schuleingangsphase“, also die Möglichkeit, die ersten beiden Klassen entweder in längerer oder in kürzerer Zeit zu durchlaufen als vorgesehen. Im Gymnasialbereich kommen Schnellläuferklassen dazu.
All diese Maßnahmen haben aber einen Haken: Sie kommen nur in Frage, wenn ein Kind in allen Fächern gleichmäßig begabt ist. Kann es dagegen „nur“ sehr gut rechnen, tut sich aber beim Lesen und Schreiben schwerer, wird es problematisch, obwohl theoretisch auch ein Teilunterricht in höheren Klassen denkbar wäre: Nicht immer passen die Stundenpläne der beiden Klassen so zueinander, dass eine solche Kombination realistisch erscheint. Und selbst wenn das gelingt: Was macht man mit einem Dritte-Klasse-Kind, das in einer vierjährigen Grundschule für die Mathematikstunden die vierte Klasse besucht, wenn es dann tatsächlich auch in den anderen Fächern ein Vierte-Klasse-Kind geworden ist?
Ein wenig anders funktioniert das Enrichment-Prinzip. Dabei erweitert oder vertieft man die behandelten Lernthemen entweder innerhalb oder außerhalb des Lehrplans. Unproblematisch ist das auch nicht: Die Kinder müssen sich ja zusätzlichen Stoff erarbeiten, und es fragt sich, ob sie davon nicht zeitlich überlastet werden. Außerhalb des deutschsprachigen Raumes gibt es trotzdem einige interessante Konzepte für diese Art der Förderung.
So können Lehrkräfte beispielsweise den Kindern während des Unterrichts Zeit für Zusatzaufgaben geben, indem sie die Methode des „Curriculum Compacting“ anwenden. Dabei dürfen die Kinder vorab zeigen, ob sie schon können, was gelehrt werden soll. Bestehen sie diesen Vortest, gibt man ihnen die Zeit, sich mit Zusatzmaterial zu beschäftigen, während die anderen Kinder den üblichen Schulstoff lernen.
Außerhalb des Klassenverbandes werden für den US-amerikanischen Raum unter anderem „pull-out-programs“ beschrieben. Dabei fasst man die Kinder verschiedener Klassen für eine begrenzte Zeit des Schultages zusammen und erteilt ihnen einen auf sie abgestimmten Förderunterricht. Auch schulisch organisierte oder mitorganisierte Arbeitsgemeinschaften, etwa Ganztagsangebote in Kooperation mit Schulfördervereinen, sind schulisch organisierte Fördermaßnahmen außerhalb des Klassenverbandes.
Dabei gibt man den Kindern die Gelegenheit, mehr zu lernen, allerdings meistens ohne ihnen zu ermöglichen, auf die (unterfordernde) Teilnahme am Regelunterricht zu verzichten und ohne ihnen die entsprechenden Hausaufgaben zu erlassen. Zwar kann eine solche Förderung den Kindern Freude bereiten, aber sie können trotzdem, vor allem zeitlich, aber auch emotional davon stark überfordert werden. Emotional deshalb, weil die Kinder spüren, dass ihre Eltern und Lehrkräfte sehr viel, manchmal zu viel von ihnen erwarten.
Das ist desto kritischer, als viele hochbegabte Kinder ohnehin selbst überhöhte Erwartungen an sich stellen. Als Folge davon nehmen sie sich häufig mehr vor, als sie pro Zeiteinheit schaffen können, besonders dann, wenn keine Entlastungen von ungeliebten und überflüssigen Routineaufgaben mit diesem Mehr an Lerneinsatz verbunden sind. Das gilt in besonderem Maß auch für Angebote, die von der Schule unabhängig stattfinden, beispielsweise Mathematik-Korrespondenz-Kurse, Wettbewerbe wie „Känguru“, Mathematik-Olympiaden, Junior- oder Schülerakademien, Wochenend- und Ferienseminare.
Autorin dieses Beitrags ist Elke Speidel, Soziologin B.A.
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