Als Hochbegabte überleben
Englischsprachiges Buch mit Überlebenstipps für Hochbegabte
"Überlebenstipps für hochbegabte Kinder" nennt Judy Galbraith ihr Ratgeberbuch, und der Titel ist durchaus ernst gemeint.
Hochbegabte Kinder haben nämlich ein ganz ähnliches Problem wie Minderbegabte: Sie sind anders als ihre Altersgenossinnen und -genossen, und sowohl sie selbst als auch die anderen Kinder nehmen das auch durchaus wahr. Und nein, die hochbegabten Kinder wissen keineswegs selbst und von allein, wie sie aus dieser Falle des Anders-Seins, das viele von ihnen gar nicht wollen, wieder herauskommen können.
Vor allem Tipps für hochbegabte Kinder, die unter der schulischen Situation leiden, gibt Galbraith im Büchlein "The Gifted Kids' Survival Guide" für hochbegabte Kinder bis 10 Jahre, das 1999 in Minneapolis/USA erschienen ist (ISBN 1-57542-053-8). Nicht jeder dieser Tipps eignet sich für jedes Kind und jede Situation, aber es lohnt sich, den einen oder anderen auszuprobieren.
Kindern helfen, ihre Begabung zu nutzen
Um ihre Begabungen nutzen zu können, brauchen hochbegabte (wie andere) Kinder nach Galbraith Herausforderungen, Selbstwertgefühl und Ansprache. Zu den Herausforderungen zählt die Autorin "Leute, Schularbeiten, Unterricht, Aktivitäten und Gelegenheiten", die das Denken erweitern helfen. Gerade Hochbegabte betrachten aber übliche Schularbeiten und gängigen Unterricht nicht als Gelegenheiten zur Erweiterung des Denkens.
Auch das Selbstwertgefühl leidet, wenn Kinder vor lauter Routinearbeit nicht dazu kommen, Dinge zu tun, auf die sie stolz sein können. Dazu kommt,
dass sie von Gleichaltrigen nicht verstanden werden und deren Art zu denken nicht verstehen. Frustrieren ist kann außerdem die Erfahrung, dass Erwachsene ihnen nicht zuhören und sie nicht ernst
nehmen.
Elterliche Suche nach Tipps führt häufig ins Leere: Zwar wird erklärt, was Hochbegabung ist und wie man sie erkennt, dass Beschleunigung und Anreicherung
des Stoffes sinnvoll sind, dass man hochbegabten wie anderen Kindern Grenzen setzen muss und ähnliches mehr, aber all das ist wenig konkret und hilft im Einzelfall (fast) nichts.
Was Hochbegabten häufig nicht weiterhilft
Ob das Überspringen einer Klasse in Frage kommt oder sich in einzelnen Fächern die Teilnahme am Unterricht einer höheren Klasse organisieren lässt, muss mit Lehrkräften und Schulleitung besprochen werden. Nicht immer wird es sich machen lassen, nicht immer ist es die beste Lösung. Dazu kommt, dass selbst mehrfaches Überspringen von Klassen für manche Kinder nicht ausreicht, weil sie in kurzer Zeit ihren neuen Mitschülerinnen und Mitschülern an Wissen wieder überlegen sind, da sie schneller begreifen, mehr speichern und gründlicher verknüpfen als andere.
Die an den Schulen angebotenen Arbeitsgemeinschaften sind, insbesondere solange Kinder sehr jung sind, selten für Hochbegabte ausgelegt: Koch-AGn oder Tischtennisclubs sind sinnvoll, erweitern aber die Fähigkeiten zu abstraktem Denken nicht ausreichend. Selbst die Angebote der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) sind nicht immer hilfreich. Nicht jedes Kind, das rasch und komplex denkt, interessiert sich für Mathematik, Naturwissenschaften, Astronomie, Philosophie, Schach oder Chinesisch.
Was hochbegabte Kinder und ihre Eltern selbst tun können
Judy Galbraiths Tipps sind eine Ergänzung zu den oben genannten Möglichkeiten, aber auch eine Minimallösung, wenn das nächstgelegene Kursangebot zu weit weg ist, ein Internat nicht in Frage kommt und außerschulische Kurse unbezahlbar sind.
Tipp 1: Tagebuch führen
Manchen Kindern, die zu wenig Ansprache bei Gleichaltrigen oder Erwachsenen haben, hilft es, ihre Gedanken schriftlich niederzulegen. Das baut Druck ab und trainiert Feinmotorik, Rechtschreibung und Ausdrucksweise. Das Tagebuch sollte auf keinen Fall kontrolliert werden. Allenfalls wenn man Suizidabsichten befürchtet, ist eine Ausnahme von dieser Regel angebracht, aber unbedingt so, dass das Kind davon nichts mitbekommt.
Tipp 2: Unterricht außerhalb der Schule
Wenn die DGhK zu weit weg ist oder nichts Passendes bietet, helfen vielleicht die Veranstaltungsprogramme von weiterführenden Schulen (bei Grundschulkindern) oder Universitäten, Bibliotheken, Gemeindezentren, Jugendhäusern, Museen, Theatern, Vereinen, Zoologischen Gärten etc. mit interessanten Angeboten. Dabei ist es sinnvoll, aktiv nachzufragen, statt sich nur passiv zu informieren - manchmal entsteht so ein Angebot, das es bisher nicht gab.
Tipp 3: Lesegruppe gründen
Nicht immer lässt sich dieser Tipp realisieren, aber bei Gelingen bringt er soziale Kontakte mit Gleichaltrigen. Galbraith empfielt, sich dafür von einer Buchhandlung Bücher empfehlen zu lassen. Vielleicht gibt es dort auch Informationsmaterial zur Gründung eines Buchclubs, zu Lesungen oder Vorlesewettbewerben. Jeden Monat können die Mitglieder ein Buch lesen, dass alle interessiert, um anschließend darüber zu diskutieren.
Tipp 4: Mentor oder Mentorin suchen
Damit ist eine erwachsene Person gemeint, die das Kind anleitet, ermutigt und ihm hilft, seine Interessen zu entdecken und zu fördern.
Tipp 5: Im Internet auf Kinder-Websites surfen
Galbraith empfiehlt ausdrücklich das Internet. Eltern sollten allerdings, insbesondere bei kleineren Kindern, darauf achten, welche Seiten besucht werden. Informationen dazu gibt es zum Beispiel bei
"seitenstark", einer Arbeitsgemeinschaft vernetzter Kinderseiten.
Tipp 6: Entlastung von überflüssigem Üben
Obwohl es wenig aussichtsreich scheint, sollte man Lehrkräfte fragen, ob einfache Übungen ausgelassen werden können. Dabei sollte man unbedingt vermeiden, besserwisserisch aufzutreten. Vielleicht schlägt die Lehrkraft vor, das Kind vorab zu testen, um nachzuweisen, dass es den Anforderungen gewachsen ist, oder sie bietet an, statt der einfachen schwierigere Hausaufgaben zu geben.
Tipp 7: Mit Lehrkräften selbstständiges Arbeiten absprechen
Ebenfalls auf die Hilfe von Lehrkräften angewiesen ist der Wunsch nach vertieftem Lernen in persönlicher Lerngeschwindigkeit. Die Lehrkraft könnte beim Planen von Projektarbeiten helfen (am Wettbewerb "Jugend forscht - Schüler experimentieren", dürfen Grundschulkinder ab der 4. Klasse teilnehmen). Vielleicht kann das Kind bei der Planung von Aktivitäten der Schule mithelfen, eine Präsentation für die Klasse vorbereiten oder ähnliches mehr.
Tipp 8: Schulzeitung gründen oder mitgestalten
Wenn es eine Schulzeitung gibt, können entsprechend interessierte Kinder mit sich hier ausprobieren; ist das nicht der Fall, können sie versuchen, eine ins Leben zu rufen. Positiver Nebeneffekt: soziale Kontakten mit gleichaltrigen Gleichgesinnten.
Tipp 9: Zutritt zur Schulbibliothek
Viele Schulbibliotheken sind nur zeitweise für Kinder geöffnet. Sie bieten aber einen möglichen Zufluchtsort für kleine Leseratten. Vielleicht lässt sich die zuständige Lehrkraft überzeugen, dem Kind jederzeit Zutritt zur Schulbibliothek zu gewähren.
Tipp 10: Niemals aufgeben
Dieser Tipp stammt nicht von Galbraith, ergibt sich aber aus der Thematik: Man darf als Eltern niemals aufgeben, selbst wenn keiner der obigen Tipps dem eigenen Kind weiterhilft.
Wie mit jedem anderen Kind sollte man auch mit seinem kleinen Überfliegerchen immer im Gespräch bleiben. Manchmal hat es selbst die besten Ideen. Und oft hilft es ihm, wenn man es einfach in den Arm nimmt, es tröstet und ihm zu verstehen gibt, dass man für es da ist. Und zwar nicht wegen und nicht trotz seiner Hochbegabung, sondern einfach so, weil es da ist und weil es ein Kind ist und weil man es liebt.
Die Autorin dieses Beitrags ist Elke Speidel, Soziologin B.A.
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