Ein unfolgsamer Hasenjunge
Von Hannelore Lienert
Hasenjunge auf Abenteuertour. (Copyright: KINDERLING.de)
Der Hasenjunge Hans entwischt bei einem Ausflug seinen Eltern und versucht die Welt auf eigene Faust zu erkunden. So kommt er vom Weg ab und verirrt sich im Wald. Wird er wieder heimfinden?
Es war einmal eine große Hasenfamilie. Diese Familie bestand aus einem Vater, einer Mutter und sechs Hasenkindern, davon waren zwei Mädchen und vier Jungen.
Diese Hasenkinder hatten ein braunes Fell, niedliche, kleine Pfötchen und ein kleines Stummelschwänzchen. Sie waren wie runde Bällchen und sehr verspielt. Den ganzen Tag tollten sie im Hasennest
herum und freuten sich ihres Lebens.
Schnell verging die Zeit und sie wurden größer und hatten in dem Nest keinen Platz mehr. Auch wuchs ihre Neugierde und Abenteuerlust und sie begannen immer weitere Ausflüge zu machen, zunächst aber
nur so weit, dass sie ihre Eltern und Geschwister noch sehen konnten.
Wenn die Eltern auf Nahrungssuche gingen, nahmen sie die Kinder mit und zeigten ihnen ihre Freunde und warnten sie vor ihren Feinden. Da war einmal auf ihrem Weg ein flinkes Eichhörnchen.
"Guten Tag, Nachbarin", grüßte die Hasenmutter, "wie geht es dir heute?" - "Mir geht es recht gut, bloß habe ich immer viel Arbeit mit den lieben Kinderlein, sie haben stets großen Hunger, der
gestillt werden muss," antwortete die Eichhornmutter. "Ja, ja, das kennen auch wir," meinte die Häsin und ging mit ihrer Familie weiter.
Die Kinder hatten an diesem Ausflug ihren Spaß, denn sie sahen viele Neuigkeiten, die sie bis dahin nicht gekannt hatten. So trafen sie kleine und große Käfer, Frösche und Eidechsen, kamen an bunten
Blumen und hohen Bäumen vorbei und entdeckten am Ziel ihrer Wanderung ein großes, grünes Kohlfeld, wo sie herzlich zu schnabulieren begannen.
Alle Hasenkinder waren recht zufrieden, bis auf den ungeduldigen, unfolgsamen Hans. Er wartete schon die ganze Zeit auf eine günstige Gelegenheit, um sich auf eigene Wege zu machen, obwohl es vom
Vater strengstens verboten worden war.
Hans spricht mit den Kühen. (Copyright: KINDERLING.de)
Als nun alle anderen genüsslich Kohl fraßen, schlich er ganz leise durch die dichten Reihen und rannte querfeldein davon. Ach, ist das schön, dachte er, einmal nicht nur das machen zu können, was
die Eltern anordnen, sondern nach eigener Lust und Laune die Welt zu erkunden!
Nach einem raschen Lauf setzte er sich erst mal ein wenig hin, um sich zu orientieren. Noch kannte er sich gut aus, also war alles in Ordnung. Er lief nach rechts weiter und kam auf eine schöne,
grüne Wiese. Da sah er große Tiere, die mit ihrer langen Zunge Grashalme in ihr Maul schaufelten. Er hatte keine Angst vor ihnen, denn sie sahen so gutmütig aus.
So trat er nahe an sie heran, grüßte höflich und fragte: „Wer seid ihr? Ich habe euch noch nie gesehen.“ – „Wir sind Kühe und fressen uns auf derWeide satt. Abends gehen wir in unseren Stall und
geben dem Bauern unsere Milch ab, damit die Menschen sie trinken können“, sagte eine Kuh.
Mehr Zeit nahm sie sich aber nicht und kümmerte sich auch nicht weiter um den Hasen. Hans sah den fressenden Kühen noch eine kleine Weile zu, dann wurde es ihm aber langweilig, und er setzte seinen
Weg fort.
Hans am Bächlein. (Copyright KINDERLING.de)
Er kam an ein kleines Bächlein. Nachdem er so viel gelaufen war, hatte er Durst und trank ein wenig von dem klarenWasser. Plötzlich quakte es ganz in seiner Nähe, und ein dicker Frosch hüpfte an
Land.
Hans erschrak etwas, beruhigte sich aber sehr schnell, weil ihm der Frosch sympathisch war. Der Frosch allerdings war vom Anblick des Hasen nicht begeistert und sprang, ohne einWort zu sagen, zurück
ins Wasser. Das tat dem Hasen Leid, denn er hätte sich gerne ein wenig mit ihm unterhalten.
Hans trinkt aus dem Bach. (Copyright: KINDERLING.de)
Doch der Tag war noch nicht zu Ende, und so lief Hänschen weiter am Bach entlang. Er scheuchte eine Eidechse aus ihrem Versteck auf, jagte vielen bunten Schmetterlingen hinterher und verlor allmählich die Orientierung. Darüber machte er sich vorerst aber keine Gedanken. Er hatte sich an verschiedene Geräusche der Wiese und des Feldes gewöhnt und dachte, es könne ihn nichts mehr erschrecken. Wie begann er aber zu zittern, als dicht hinter ihm ein großer Hund zu kläffen begann! Er hatte zwar noch nie einen Hund gesehen, aber sein Vater und seine Mutter hatten ihm oft vorgemacht, wie die Hunde bellen und ihn davor gewarnt, ihnen in die Nähe zu kommen.
Hans flieht vor dem Hund. (Copyright KINDERLING.de)
Plötzlich hörte er in Gedanken all die mahnenden Worte seiner Eltern und wäre am liebsten gleich zurück in ihren Schutz geflüchtet.
Das ging aber leider nicht, denn er wusste nicht mehr, aus welcher Richtung er gekommen war. Nun war guter Rat teuer. Er suchte sich ein sicheres Plätzchen hinter einem Strauch, hielt den Atem an und
hoffte, der Hund würde ihn nicht entdecken.
Er wusste noch nicht, dass Hunde eine sehr gute Nase haben und durch ihren Geruchssinn die Beute finden, auch ohne sie zu sehen. So geschah es auch diesmal.
Der große Hund kam, mit der Nase auf der Erde schnuppernd, immer näher an Hans heran und hätte ihn sicherlich erwischt, hätte nicht ein Junge, der die Gefahr für den Hasen erkannte, seinen Hund ganz
energisch zurückgepfiffen. Der Hund folgte widerwillig seinem Herrchen und ließ von unserem Hänschen ab.
Hänschen zitterte noch eine ganze Weile aus Furcht, der Hund könne zurückkommen, aber er kam zum Glück nicht wieder.
Die Haseneltern suchen ihr Kind. (Copyright: KINDERLING.de)
Nun begann unser Hasenjunge intensiv nach dem richtigen Weg zu suchen. Er hatte für heute genug Abenteuer erlebt. Er fand den Heimweg aber nicht, und so legte er sich müde und verzweifelt in eine
Erdkuhle und begann zu schluchzen.
Seine Eltern und Geschwister hatten lange schon gemerkt, dass Hans weggelaufen war und sich große Sorgen um ihn gemacht. Allmählich begannen sie ihn zu suchen.
Sie suchten auf der Wiese, suchten auf der Kuhweide und hatten großes Glück, dass die eine Kuh gesehen hatte, wohin Hans gelaufen war.
Die Hasenmutter fragt nach Hans. (Copyright: KINDERLING.de)
Sie zeigte ihnen die Richtung. Hans war ja aber immer weiter und weiter gelaufen und da, wo die Hasenfamilie suchte, war er längst nicht mehr. Sie fragten alle Tiere, die sie trafen, nach Hans.
Manche hatten ihn gesehen und manche nicht.
Endlich, es begann schon zu dunkeln, bekamen sie auf ihre lauten Rufe eine leise Antwort. Hans war noch so unter Schock, dass er kaum reden konnte, und er schämte sich sehr vor seinen Eltern und
Geschwistern, weil er wieder einmal so unfolgsam gewesen war.
Hans in seinem Versteck. (Copyright: KINDERLING.de)
Als seine Eltern ihn endlich fanden, saß er in seinem Versteck und weinte noch immer still vor sich hin. Es war ein Bild zum Erbarmen. Seine Eltern nahmen ihn in die Arme, und sie gingen gemeinsam
nach Hause, froh, unseren Hans unversehrt gefunden zu haben.
Am nächsten Tag, als Hans sich wieder beruhigt hatte, musste er alles genau erzählen. Er ließ nichts aus, das Gute nicht und auch nicht das Böse. Er versprach hoch und heilig, nicht mehr allein
fortzulaufen, immer zu folgen und seinen Eltern und Geschwistern keinen Kummer mehr zu machen.
An dieses Versprechen hat er sich auch brav gehalten.
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